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Führen, wenn es wackelt – Emotionale Agilität zwischen Struktur, Widerstand und Resonanz

🔷 Führen in unsicheren Zeiten – was emotionale Agilität wirklich bedeutet

„Noch wissen wir nicht, wie es ausgeht. Aber wir können entscheiden, wie wir führen, wenn es wackelt.“

Führung in volatilen, komplexen und emotional aufgeladenen Systemen ist nicht mehr das Verwalten von Stabilität, sondern das Gestalten von Unsicherheit. Der Anspruch, Kontrolle zu behalten, stößt in VUCA- und BANI-Welten an seine Grenzen. Gleichzeitig wächst der Druck auf Führungskräfte, emotionale Resonanz zu ermöglichen, Sinn zu vermitteln und psychologische Sicherheit zu schaffen.

Zwischen Überforderung und Überkontrolle liegt der Raum, in dem emotionale Agilität zur Schlüsselkompetenz wird – als Brücke zwischen Struktur und Lebendigkeit.


💡 Was emotionale Agilität ist – und was sie nicht ist

Der Begriff „emotional agility“ wurde von der Psychologin Susan David (Harvard Medical School) geprägt (David & Congleton, Harvard Business Review, 2013). Sie beschreibt emotionale Agilität als die Fähigkeit, mit Gedanken und Gefühlen flexibel umzugehen, anstatt ihnen ausgeliefert oder durch sie blockiert zu sein.

„Emotional agility is being flexible with your thoughts and feelings so that you can respond optimally to everyday situations.“ — Susan David, 2016

Im Zentrum steht keine Technik, sondern ein Bewusstseinszustand: Nicht automatisch reagieren, sondern bewusst gestalten.

Die Wurzeln dieses Konzepts reichen zurück zu Viktor Frankl, der in „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946) schrieb:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen.“

Emotionale Agilität erweitert diesen „Raum“: Sie verbindet die humanistische Haltung Frankls mit modernen Ansätzen der Emotionsregulation (Berking & Böhme, 2022) und neurobiologischer Stressforschung.


🧭 Zwischen Struktur und Lebendigkeit

Organisationen sind hochoptimiert – Prozesse, KPIs, Strategien sind messbar. Doch unter dieser Oberfläche wirken weiche, aber wirkmächtige Faktoren: Emotionen, Spannungen, unausgesprochene Bedürfnisse.

Emotionale Agilität bedeutet, in diesem Spannungsfeld nicht zu verhärten (Kontrolle) und nicht zu verschwimmen (Anpassung), sondern bewusst präsent zu bleiben. Sie ist damit das Gegenmodell zu reaktiver Führung.

In der Praxis heißt das:

  • Gefühle und Körperwahrnehmungen werden als Feedbacksysteme genutzt.
  • Ambivalenzen werden ausgehalten, statt vorschnell aufgelöst.
  • Handeln geschieht wertebasiert, nicht nur zweckrational.

Diese Fähigkeit wird zum Dreh- und Angelpunkt von Leadership in Veränderungsprozessen.


⚙️ Emotionale Kompetenz und Widerstand – ein neuropsychologischer Blick

In Veränderungsprozessen taucht Widerstand fast zwangsläufig auf. Klassische Change-Modelle (z. B. die Change Curve nach Kübler-Ross) beschreiben ihn als Übergangsphase zwischen Schock und Akzeptanz. Moderne Forschung geht tiefer: Widerstand ist kein Fehler, sondern ein Schutzmechanismus.

Widerstand entsteht dort, wo Veränderung als Bedrohung erlebt wird – für Sicherheit, Autonomie, Status oder Fairness.

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass soziale Bedrohungen dieselben Hirnareale aktivieren wie physische Bedrohungen (Lieberman & Eisenberger, 2008). Das erklärt, warum rationale Argumente bei Widerstand oft wirkungslos bleiben: Das limbische System dominiert das Verhalten.

Hier setzt das SCARF-Modell von David Rock (2008) an. Es identifiziert fünf Dimensionen sozialer Bedrohung:

SCARF-Modell nach David Rock (2008)

Das Modell beschreibt fünf Dimensionen sozialer Bedrohung und Motivation:

Status – Wahrgenommenes Ansehen, Anerkennung zeigen, Feedback achtsam formulieren Certainty – Vorhersagbarkeit schaffen, Orientierung bieten, Sinn transparent machen Autonomy – Selbstwirksamkeit ermöglichen, Wahlmöglichkeiten geben, Mitgestaltung zulassen Relatedness – Zugehörigkeit fördern, Vertrauen aufbauen, Resonanzräume öffnen Fairness – Gerechtigkeit sichern, Entscheidungsprozesse nachvollziehbar machen

Diese fünf Faktoren sind empirisch mit Motivation, Kooperation und Engagement korreliert (Rock, 2008; CIPD, 2020).

Doch das Modell hat Grenzen: SCARF beschreibt die Auslöser emotionaler Reaktionen, nicht deren Verarbeitung. Es erklärt, warum Menschen in Widerstand gehen, aber nicht, wie sie wieder in Bewegung kommen.

Genau hier setzt emotionale Agilität an: Sie befähigt Führungskräfte, Emotionen nicht nur zu erkennen, sondern zu regulieren – in sich selbst und in ihren Teams.

🧠 Unbewusste Emotionen als Steuerungsimpulse

Nicht jeder Widerstand entsteht bewusst. Das Zürcher Ressourcenmodell (ZRM) nach Maja Storch und Frank Krause zeigt, dass Emotionen oft als somatische Marker wirken – körperliche Signale, die uns Orientierung geben, noch bevor wir sie kognitiv verstehen. Diese unbewussten Bewertungen sind weder irrational noch störend, sondern Ausdruck impliziter Bedürfnisse und Werte.

In der Praxis bedeutet das: Führungskräfte, die lernen, subtile emotionale Impulse wahrzunehmen – Spannung im Körper, spontanes Unbehagen, intuitive Resonanz – können innere Widerstände früh erkennen. Das schafft Raum für bewusste Entscheidungen, statt unbewusste Abwehrmechanismen wirken zu lassen.


🌿 Widerstand verstehen statt bekämpfen

Widerstand zeigt, dass etwas Bedeutung hat. Er entsteht nicht „gegen“ etwas, sondern „für“ etwas, das geschützt werden soll – Werte, Identität, Stabilität.

Führung, die emotionale Agilität lebt, reagiert darauf mit Neugier statt mit Druck. Statt Argumente zu liefern, stellt sie Fragen:

  • Was will uns dieser Widerstand zeigen?
  • Wofür steht das Nein?
  • Welche Angst oder welches Bedürfnis liegt darunter?

Forschung der LMU München (Stabenow, 2018) zeigt: Widerstand sinkt messbar, wenn vier Faktoren gegeben sind:

  1. Kommunikation – klar, ehrlich, kontinuierlich
  2. Verständnis – Sinn und Ziel werden transparent gemacht
  3. Konsistenz – Verhalten und Worte stimmen überein
  4. Partizipation – Betroffene gestalten aktiv mit

Diese Erkenntnisse ergänzen neuere Studien zu psychologischer Sicherheit (Edmondson, 2019): Menschen lernen und engagieren sich nur, wenn sie sich emotional sicher fühlen.


🔁 Die fünf Prinzipien emotional agiler Führung

1. Selbstwahrnehmung vor Reaktion Zwischen Reiz und Reaktion liegt der Raum der Wahlfreiheit. Nur wer den eigenen Zustand bemerkt, kann führen, statt getrieben zu reagieren.

2. Akzeptanz von Emotionen Gefühle sind Daten, keine Störung (David, 2016). Sie liefern Information über Bedürfnisse und Grenzen.

3. Kognitive & emotionale Flexibilität Agile Führung heißt, mehrere Wahrheiten gleichzeitig zu halten – Ambiguität zu tolerieren, ohne zu erstarren (Ståhl et al., 2020).

4. Werteorientiertes Handeln Wenn äußere Karten fehlen, braucht es einen inneren Kompass. Werte schaffen Richtung, wenn Strukturen sich verändern (Schwartz & Sharpe, 2010).

5. Verbundenheit & Vertrauen Führung ist Beziehungsarbeit. Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Präsenz, Verletzlichkeit und Klarheit (Edmondson, 2019).


🗣 Wie emotionale Agilität klingt

Führung wird in Sprache hörbar.

„Ich weiß es im Moment auch nicht – aber ich bin hier und wir finden den nächsten Schritt.“ „Ich spüre Widerstand – und ich nehme ihn ernst, bevor ich reagiere.“ „Was brauchen wir gerade mehr: Kontrolle oder Kontakt?“ „Ich nehme wahr, dass ich zu schnell reagiert habe – ich möchte das transparent machen.“

Solche Sätze sind keine Methoden, sondern Mikromomente von Selbstregulation. Sie erzeugen emotionale Sicherheit und modellieren lernende Führungskultur.


🧩 Fazit

Emotionale Agilität ist kein „Soft Skill“. Sie ist ein Leadership-Werkzeug in komplexen Systemen – dort, wo Kontrolle nicht mehr greift und Beziehung die neue Form von Stabilität wird.

Führung bedeutet heute nicht, Antworten zu geben, sondern Räume zu halten, in denen sie entstehen dürfen.

„Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine Haltung.“ — Amy C. Edmondson, The Fearless Organization (2019)


📚 Primärquellen & weiterführende Literatur

Lieberman, M. D., & Eisenberger, N. I. (2008). The pains and pleasures of social life. Science, 323(5916), 890–891.

David, S. & Congleton, C. (2013). Emotional Agility. Harvard Business Review.

David, S. (2016). Emotional Agility. Avery / Penguin.

Frankl, V. (1946). …trotzdem Ja zum Leben sagen. Wien: Deuticke.

Rock, D. (2008). SCARF: A brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership Journal, 1, 44–52.

Stabenow, M. (2018). Widerstände im Change-Prozess erfolgreich überwinden. LMU München.

Storch, M., & Krause, F. (2020). Selbstmanagement – Ressourcenorientiert mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®). Hogrefe.

Edmondson, A. (2019). The Fearless Organization. Wiley.

Schwartz, B. & Sharpe, K. (2010). Practical Wisdom. Riverhead Books.

Berking, M. & Böhme, S. (2022). Emotionsregulation. Wie wir unsere Gefühle verstehen und gezielt beeinflussen können. Springer.

Ståhl, T., et al. (2020). The role of cognitive flexibility in complex problem solving. Journal of Cognitive Enhancement, 4(3), 327–340.

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