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„Es gibt hier nichts zu tun.“ Burnout, Leistung und die Frage nach Wirksamkeit

Warum ein Wüstenbild in der klinischen Arbeit mehr zeigt als viele Interventionen

Zu Beginn meiner Arbeit mit Menschen, die unter ausgeprägter Erschöpfung oder bereits Burnout leiden, verwende ich manchmal ein Bild, das zunächst irritiert.

Ich lade sie ein, sich vorzustellen, sie befänden sich in einer Wüste. Es gibt dort nichts zu tun. Keine Aufgabe, keine Funktion, kein Ziel.

Sie spüren die Sonne auf der Haut. Den Sand unter den Füßen. Vielleicht einige Steine, die Schatten werfen. Ansonsten nicht sehr viel.

Dieses Bild ist keine Metapher für Leere oder Sinnverlust. Es ist ein Versuch, einen inneren Zustand erfahrbar zu machen, in dem Leistung, Produktivität und Wirksamkeit für einen Moment keine Rolle spielen.

Diese Stimmung verstärke ich mit der schlichten Formulierung: „Es gibt hier nichts zu tun.“

Dann biete ich einen weiteren Gedanken an: Gehen wir einmal davon aus, Sie befinden sich dort – in dieser Wüste, in der es nichts zu tun gibt außer dort zu sein – und gehen wir zugleich davon aus, dass Sie hier gleich viel wert sind.

Oft beginnt an dieser Stelle bereits ein Prozess. Manchmal zeigen sich Tränen. Manchmal stellt sich spürbare Entlastung ein. In jedem Fall entsteht eine Unterschiedsbildung im Erleben.

Diese Frage berührt einen zentralen Punkt im Verständnis von Burnout.

Burnout aus klinischer und diagnostischer Perspektive

Burnout ist keine eigenständige medizinische Diagnose im Sinne der ICD-11. Dennoch ist gut belegt, dass er als ätiologisch relevanter Faktor für die Entwicklung und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen betrachtet werden muss.

Ein aktueller Übersichtsartikel im Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz fasst den Stand der Forschung zu psychotherapeutischen Interventionen bei Burnout zusammen. Die Autorinnen zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Verfahren, kognitive Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie sowie rational-emotive Ansätze insbesondere die emotionale Erschöpfung reduzieren können. Zugleich bleibt offen, inwieweit tief verankerte Denk- und Handlungsmuster langfristig verändert werden und ob der berufliche Kontext ausreichend berücksichtigt wird (Kern, Jerg-Bretzke & Beschoner, 2024; Springer Verlag).

In der klinischen Arbeit zeigt sich dabei ein konsistentes Bild: Viele Menschen mit Burnout sind leistungsfähig, verantwortungsbewusst und hoch engagiert. Sie übernehmen Aufgaben, tragen Verantwortung und stabilisieren Arbeitskontexte über lange Zeit.

Was ihnen schwerfällt, ist nicht Leistung. Was ihnen schwerfällt, ist der Verlust von Leistung als innerem Bezugspunkt.

Leistung als Ausdruck von Wirksamkeit

An dieser Stelle ist mir eine klare Differenzierung wichtig. Leistung ist aus psychologischer Sicht kein Krankheitsfaktor. Sie steht in engem Zusammenhang mit einem zentralen menschlichen Grundbedürfnis: dem Erleben von Wirksamkeit.

Ein theoretisch gut fundiertes Modell hierfür ist die Self-Determination Theory von Edward Deci und Richard Ryan. Sie beschreibt den Menschen als ein von Natur aus wachstums- und entwicklungsorientiertes Wesen. Psychisches Wohlbefinden entsteht dort, wo drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sind:

  • Autonomie – das Erleben von Selbstbestimmung
  • Kompetenz – das Erleben von Wirksamkeit
  • Verbundenheit – das Erleben von Zugehörigkeit

Leistung im Sinne von Kompetenz und Wirksamkeit ist damit integraler Bestandteil eines gesunden Menschenbildes. Sie steht in Zusammenhang mit Motivation, Selbstregulation und psychischer Stabilität.

Die klinisch relevante Verschiebung

Klinisch relevant wird Leistung dort, wo sich Wirksamkeit von Autonomie entkoppelt.

Die Self-Determination Theory beschreibt präzise, dass Kompetenz ihre gesundheitsförderliche Wirkung nur dann entfaltet, wenn sie selbstbestimmt erlebt wird. Wird Wirksamkeit innerlich verpflichtend, verliert sie ihren regulierenden Charakter.

In der Arbeit mit Menschen mit Burnout zeigt sich diese Verschiebung häufig deutlich:

  • hohe fachliche Kompetenz
  • verlässliche Leistungserbringung
  • zunehmendes Gefühl innerer Enge und Erschöpfung

Leistung wird nicht mehr als Gestaltung erlebt, sondern als innere Notwendigkeit. Pausen lösen Unruhe aus. Erschöpfung wird nicht als Signal verstanden, sondern als persönliches Defizit interpretiert.

Der Springer-Artikel beschreibt Burnout entsprechend als schleichenden Prozess emotionaler, kognitiver und psychischer Erschöpfung, häufig begleitet von Zynismus und Entfremdung, und ordnet Burnout als relevanten Faktor für die Entstehung manifester psychischer Erkrankungen ein (Kern et al., 2024).


Burnout, Selbstwert und innere Einengung

Vor diesem Hintergrund lässt sich Burnout weniger als bloße Überlastung verstehen, sondern als Einengung der Selbstwertregulation.

Wenn Wirksamkeit zur dominanten, teilweise einzigen Quelle von Wert wird, verlieren andere Dimensionen an Bedeutung: Regeneration, Beziehung, Spielraum, zweckfreies Erleben.

Das Wüstenbild macht diese Einengung erfahrbar. Es entzieht der Leistung vorübergehend ihren Referenzrahmen und richtet den Blick auf die innere Bewertung.

Die Frage, ob man sich in diesem Zustand als gleich wertvoll erlebt, ist keine philosophische. Sie ist klinisch hoch relevant.

Therapeutische Einordnung

Aus therapeutischer Sicht zeigt sich hier auch, warum rein symptomorientierte Interventionen häufig nur begrenzte Wirkung entfalten. Die im Übersichtsartikel dargestellten Verfahren können emotionale Erschöpfung wirksam reduzieren. Zugleich weisen die Autorinnen darauf hin, dass ohne die Einbeziehung des beruflichen Kontexts und der individuellen Leistungsnormen langfristige Veränderungen begrenzt bleiben.

In der klinischen Praxis bedeutet das: Die Behandlung erschöpfter Menschen erfordert häufig mehr als Entlastungstechniken. Sie verlangt eine differenzierte Auseinandersetzung mit inneren Leistungsüberzeugungen, mit dem individuellen Verständnis von Wirksamkeit – und mit den realen Arbeitsbedingungen, unter denen diese entstanden sind.

KI, Wertschätzung und Wirksamkeit im organisationalen Kontext

Diese Dynamiken verschärfen sich in aktuellen Transformationsprozessen, insbesondere im Zuge der Einführung von KI-basierten Systemen. In ihren Arbeiten zur Führung und Zusammenarbeit in der KI-Transformation beschreiben Barbara Müller-Christensen und Katharina Musil, dass technologische Veränderungen nicht nur Prozesse verändern, sondern zentrale psychologische Bezugspunkte berühren.

Insbesondere dann, wenn bestehende Kompetenzen entwertet werden, Entscheidungsspielräume schrumpfen oder soziale Zugehörigkeit brüchig wird, gerät das Erleben von Wirksamkeit unter Druck. Wertschätzung erhält in diesem Kontext eine besondere Bedeutung: nicht als Zusatzmaßnahme, sondern als psychologische Voraussetzung dafür, dass Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit unter Bedingungen tiefgreifenden Wandels erhalten bleiben.

Diese Perspektive lässt sich direkt auf Burnout-Prozesse übertragen. Wo Wirksamkeit unsicher wird und Anerkennung fehlt, steigt das Risiko innerer Distanzierung und emotionaler Erschöpfung – unabhängig von individueller Leistungsbereitschaft.

Arbeitskontext und organisationale Verantwortung

Burnout entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch wenn individuelle Dispositionen eine Rolle spielen, bleibt der berufliche Kontext ein zentraler Einflussfaktor. Arbeitsmenge, Entscheidungsspielräume, Rollenklarheit und erlebte Wertschätzung stehen in engem Zusammenhang mit dem Risiko chronischer Erschöpfung.

Vor diesem Hintergrund kommt der Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz eine besondere Bedeutung zu. Sie dient nicht der Individualisierung von Problemen, sondern der systematischen Erfassung arbeitsbezogener Belastungsfaktoren – und damit der Wahrnehmung organisationaler Verantwortung.

In der klinischen Begleitung kann diese Perspektive entlastend wirken, weil Burnout nicht ausschließlich als individuelles Thema behandelt wird, sondern als Zusammenspiel von Person, Arbeit und Struktur.

Leistung im psychologisch differenzierten Menschenbild

Burnout-Arbeit bedeutet nicht, Leistung zu relativieren oder Wirksamkeit abzuwerten. Sie erfordert eine differenzierte Einordnung dessen, welche Bedeutung Leistung im individuellen Selbstverständnis einnimmt.

Leistung als Ausdruck von Kompetenz bleibt bedeutsam. Sie ist jedoch nicht geeignet, dauerhaft als alleiniger Bezugspunkt für Selbstwert zu fungieren.

Dort, wo Wirksamkeit ausschließlich über Funktion, Output oder Verfügbarkeit definiert wird, verengt sich das Spektrum dessen, was als wertvoll erlebt werden kann. In solchen Konstellationen wird Erholung nicht als legitimer Zustand erfahren, sondern als Unterbrechung eines inneren Anspruchssystems.

Die klinische Arbeit zielt hier nicht auf Reduktion von Leistung, sondern auf eine Erweiterung der inneren Bewertungsmaßstäbe.

Ein offener Ausblick

Erschöpfung verweist selten auf einen einzelnen Auslöser. Sie entwickelt sich dort, wo Wirksamkeit, Verantwortung und innere Ansprüche über längere Zeit in einem ungünstigen Verhältnis zueinander stehen.

Die Auseinandersetzung mit Burnout führt daher nicht zu schnellen Antworten. Sie öffnet Fragen: nach dem Verhältnis von Leistung und Selbstwert, nach den Bedingungen, unter denen Wirksamkeit als selbstbestimmt erlebt werden kann, und nach den Spielräumen, die Menschen im individuellen und organisationalen Kontext zur Verfügung stehen.

Diese Fragen lassen sich nicht vereinheitlichen. Sie verlangen Zeit, Differenzierung und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten.


Zentrale Quellen

Kern, S., Jerg-Bretzke, L., & Beschoner, P. (2024). Psychotherapeutische Interventionen bei Burnout – Ein Umbrella-Review und Impulse für die Therapie. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 67, 1279–1287. https://doi.org/10.1007/s00103-024-03961-y

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.


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